Das Leben leichter loslassen

Kürzlich war ich Gast bei einem gemeinnützigen Verein von Frauen, die beruflich ältere Menschen pflegen oder im Haushalt unterstützen. Bei ihrer Arbeit kommen sie häufig in Wohnungen, die mit Erinnerungsstücken und anderen scheinbar unnützen Dingen zum Bersten voll sind. Die Frage an mich lautete: Kann man jemanden zum Aufräumen bewegen? Wenn ja, wie?

Meine Antwort darauf ist: Aufräumen darf ich nur Sachen, die mir selbst gehören. Oder im Auftrag der Person, der die Sachen gehören. Ansonsten sind die Dinge anderer Leute tabu für mich, auch wenn mich die Unordnung stört. In Familien hilft es oft, ohne Worte mit gutem Beispiel voranzugehen und mit den eigenen Dingen ein Aufräumfestival zu veranstalten. Meist lassen sich die anderen davon anstecken und laufen bald selbst mit Schachteln und gefüllten Plastiksäcken herum.

Lebe ich mit der Person, die ich zum Aufräumen animieren möchte, nicht zusammen, gibt es nur eine Möglichkeit: Ich kann versuchen, ihr Fragen zu stellen und damit einen Prozess in Gang zu bringen. Gute Fragen lösen Gefühle und Bilder aus, führen zu einem Perspektivenwechsel. Etwa: „Was glauben Sie, wie würden Sie sich fühlen, wenn sich in Ihrer Wohnung nur Sachen befinden, die Sie glücklich machen?“ oder „Stellen Sie sich Ihre Wohnung in einem Zustand vor, in dem Sie sich darin rundum wohl und glücklich fühlen. Wie würde sie aussehen? Wäre etwas anders als heute? Welche Farbe hätte sie?“. Wenn danach gar nichts passiert, ist es auch gut.

 

Ein Gedanke mag für jemanden am Ende des Lebensweges bedeutsam sein: Menschen kann der Übergang in den Tod leichter fallen, wenn sie vorher ihre materiellen Dinge ent-sorgen. Wer seine Sachen - und Sorgen - loslässt, kann auch das Leben einfacher loslassen. Ich habe dies bei meinem eigenen Vater erlebt. Als meine Mutter und ich nach Hause kamen, nachdem wir ihn im Spital in den friedlichen und raschen Tod begleitet hatten, fanden wir ein fein säuberlich hingelegtes Blatt Papier auf seinem Schreibtisch. Es trug die Überschrift „Nach meinem Tod zu erledigen“. Seine schriftlichen Unterlagen waren allesamt abgelegt, die Ordner standen in Reih und Glied im Büchergestell.

 

Nach dem Vortrag sprach mich eine Teilnehmerin auf diesen Punkt an. Sie ist langjährige Pflegerin in einem Altersheim und erzählte mir, wie oft sie es erlebt hat, dass einzelne Seniorinnen und Senioren plötzlich aus ihrer Immobilität erwachten und damit begannen, ihre Habseligkeiten radikal aufzuräumen – um wenig später zu sterben. „Glücklich sind jene, die dazu noch in der Lage sind.“ Es scheint ein inneres Bedürfnis zu sein, neue Phasen damit einzuleiten, persönliche Angelegenheiten in Ordnung zu bringen – mitten im Leben ebenso wie an dessen Ende. Es erleichtert, entlastet, macht bereit für Neues. Ich freue mich für alle, denen dies gelingt, bevor es andere für sie machen möchten. Und sonst ist es auch gut.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0