Stress, lass nach!

Bei meinem letzten Vortrag nahmen die Zuhörerinnen und Zuhörer einen Teil mit besonders offenen Ohren auf. In der Diskussion danach nannte ich einige Beispiele für Äusserungen, die wir jeden Tag verwenden – und mit denen wir uns unbewusst selbst unter Druck setzen. „Ich hänge nach dem Abwaschen noch schnell die Wäsche auf.“ oder gar "Ich muss dann noch schnell die Wäsche aufhängen." Was löst dieser Satz in Ihnen aus? Fühlen Sie sich beim Lesen schon gestresst? Wie steht es mit „Die Excel-Liste mache ich gleich nach dieser Sitzung!“?

Gewiss wollen wir eine Sache nach der anderen erledigen. Das Wörtchen „nach“ in beiden Formulierungen deutet darauf hin. Ihr Hirn versteht das aber nicht. Denn a) packen wir beide Aktivitäten in den gleichen Satz. Und b) sprechen wir von der für später geplanten Tätigkeit grammatikalisch in der Gegenwartsform. Das heisst für unser Hirn: Wir machen beides gleichzeitig, und zwar JETZT. Das stresst. Eine andere Wirkung hat es, wenn wir sagen: „Ich wasche jetzt ab. Danach werde ich die Wäsche aufhängen.“ Oder: „Ich werde die Excel-Liste im Anschluss an diese Sitzung machen.“ Das gibt Raum. Jetzt ist erstmal das eine dran. Das andere wird danach folgen.

 

Ob ich gestresst bin oder nicht, kann ich mit meiner Sprache gezielt beeinflussen. Ist das nicht fantastisch? Ich bin immer wieder begeistert davon, in wie vielerlei Hinsicht wir Verantwortung für uns selbst übernehmen können.

 

Sie sind nicht gestresst, erleben dafür aber immer wieder zwischenmenschliche Konflikte? Das könnte an Ihrer Kriegsrhetorik liegen. Sie haben mit Militär nichts am Hut? Das glaube ich Ihnen! Dennoch überfallen Sie eine Kollegin vielleicht ab und zu mit einem Anliegen. Oder Sie kämpfen im Büro für einen neuen Drucker. Hat Ihr Chef Sie am Telefon schon einmal abgewürgt? Oder haben Sie die gewagte Idee, die Ihnen gestern eingefallen ist, bereits im Keim erstickt?

 

Bitten Sie Ihre Nächsten doch einmal, Sie auf Ihre sprachlichen Eigenheiten aufmerksam zu machen. Wir alle haben sie. Schaffen wir es, sie mit der Zeit selbst zu bemerken und durch positive Alternativen zu ersetzen, kann das sprichwörtlich unser Leben verändern.    

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Kommentare: 4
  • #1

    Gitte Naujoks (Dienstag, 29 September 2015 12:00)

    Die Floskeln mit "bald, schnell, dann noch" habe ich mir mit Konzentration und Üben recht erfolgreich abgewöhnt (Rückfälle kommen immer wieder vor ;-))
    Dass die Sprache aber recht martialisch klingen kann, war mir bisher nicht bewusst. Ich werde in Zukunft darauf achten, Freunde um Feedback bitten und mir wenn nötig diese Ausdrücke abgewöhnen.
    Danke für diesen guten Beitrag!

  • #2

    Karin (Montag, 05 Oktober 2015 08:54)

    Ich gratuliere Dir, Gitte! Du bist Dir einiger sprachlicher Fallen bewusst und konntest sie Dir bereits abgewöhnen. Selbst wenn das nicht immer gelingt - es ist eine Leistung, die sich positiv auf Dein Leben auswirkt.

  • #3

    Janine Ackermann (Freitag, 23 Oktober 2015 10:42)

    Sehr gut gemacht. Gratulation auch von meiner Seite. Stress ist etwas ätzendes aber leider gehört es nunmal dazu.

  • #4

    Karin (Freitag, 23 Oktober 2015 10:56)

    Danke, Janine! Es ist so, Stress gehört dazu. Daher ist es besonders schön zu wissen, dass ich ihn mit dem, was ich sage, selber beeinflussen kann. :-)