"Leicht" ist für jeden anders

Marie Kondo ist ebenso strikt wie charmant. Ihre Aufräummethode lässt keinen Spielraum für Variationen zu. Sowohl der Zeitraum als auch die Reihenfolge beim Aufräumen sind einzuhalten. Ansonsten wird auch die fünfzigste Aufräum-aktion nichts anderes als ein vorüber gehendes Umschichten des alltäglichen Chaos’ sein. 

Vielleicht ist Marie Kondo gerade in ihrer Kompromisslosigkeit so überzeugend und ansteckend: Kein anderes Aufräumbuch hat je zuvor weltweit für derartige Furore gesorgt. Die Autorin wird vom Time Magazine gar zu den 100 einflussreichsten Personen dieses Erdballs gezählt.

 

Auch mich als Aufräumcoach hat Marie Kondos Ansatz bestätigt und beeinflusst. So teile ich ihre Ansicht, dass Dinge eine Aufgabe haben. Eine Aufgabe, die sie oft längst erfüllt haben – weshalb wir sie frohen Mutes wieder in die Freiheit entlassen dürfen. Ich habe auch erfahren, dass Aufräumen umso nachhaltiger ist, je umfassender es an die Hand genommen wird. Und natürlich bin auch ich überzeugt davon, dass das Loslassen von ungeliebten Gegenständen nicht nur unser Aussen, sondern auch unser Innen und damit unser Leben positiv beeinflussen kann.

 

In einem Punkt hingegen weicht meine Praxis von Marie Kondos Credo ab. Es geht um die Reihenfolge, die nach ihrer Methode beim Aufräumen streng einzuhalten ist: Erst die Kleider, dann die Bücher, dann Schriftstücke, dann jeder andere Krimskrams (eine ziemlich grosse Kategorie!), zuletzt die persönlichen Erinnerungen. Die Logik dahinter ist, dass man mit jenen Dingen beginnt, von denen man sich am leichtesten trennen kann. Zuletzt kommen die Sachen, denen wir am schwersten Lebewohl sagen. Soweit so gut. Doch: Wir sind alle anders. Wovon wir uns leicht und schwer trennen, ist höchst individuell. So gehen etwa bei den Büchern die Meinungen weit auseinander: Einige verfügen gar nicht erst über eigene Wälzer und leihen sich ihre Romane ausschliesslich in der Bibliothek aus. Andere hängen selbst dann an ihrer umfangreichen Literatur, wenn sie die Klassiker nie zu Ende gelesen haben.

 

In Japan, wo das (familiäre) Kollektiv viel stärker gewichtet wird als hierzulande, mag eine strikt vorgegebene Reihenfolge akzeptiert sein. In der Schweiz gilt: Jeder hat ein Recht auf seine Baustellen. Meine Aufgabe als Aufräumchoach ist, den Prozess so zu steuern, dass meine Kunden ihr Ziel bestmöglich erreichen. Wollen sie als erstes ihre Kosmetikmuster im Badezimmerschrank und ganz zuletzt den 20 Jahre alten Hosenanzug aussortieren, so soll es mir recht sein.    

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