Das Einmachglaswunder

Mein Herz hüpfte ebenso wie die Kinder auf der Hüpfburg: Ich lag auf der Freibadwiese und hatte die Musse, mich den beiden Magazinen vor mir zu widmen. Im einen hatte ich gerade über Bea Johnson und ihren „Zero Waste“-Haushalt gelesen. Die Französin Bea und ihre Familie führen im kalifornischen Mill Valley ein Leben ohne Abfall. Fast ohne Abfall: Das Bild zum Text zeigt ein Einmachglas mit dem Müll, der sich bei den Johnsons in einem ganzen Jahr angesammelt hat – eine Handvoll Papierschnitzel und ein paar Kaugummis. Der Anblick liess mich leer schlucken. So viel wirft unsere Familie locker in zwei Stunden weg!    

Die Johnsons bringen das Einmachglaswunder zustande, indem sie sich an fünf R’s halten:

1 – REFUSE, oder: Hol dir nur ins Haus, was du wirklich brauchst. Also keine Werbegeschenke, Kugelschreiber der letzten Konferenz oder Plastikflaschen aus dem Hotelzimmer. Zu diesem Punkt gehört auch, dass sich Bea Johnson Waren stets in mitgebrachte Glasbehälter abfüllen lässt (neue Ladenkonzepte wie "Unverpackt" - siehe unten - machen es auch hierzulande möglich).

2 – REDUCE. freiräumen trifft Zero Waste: Statt mit zwanzig Hosen lässt es sich auch mit dreien leben, ein gutes Messer schneidet Käse ebenso wie Fleisch, und statt drei Reissorten im Schrank tut es auch eine.

3 – REUSE, Wegwerfartikel durch Wiederverwendbares ersetzen. Ich denke spontan an die Feuchttücher im Klo, die Alufolie und die Papiertaschentücher – brauche ich sie wirklich oder sind sie einfach zur Gewohnheit geworden?

4 – RECYCLE, das wohlgemerkt erst an vierter Stelle kommt. Wurden die ersten drei Punkte zur Müllreduktion beachtet, gibt es nicht mehr viel zu recyclen.

5 – ROT, „verrotten lassen“ bzw. kompostieren. Haare, Nagelreste, Nussschalen, Obst und Gemüsereste ist das, was hierfür noch übrig bleibt.

 

Ich hing in Gedanken noch diesem Artikel nach, als mir auf Seite 34 des Migrosmagazins – meiner zweiten Lektüre – der Titel „Plastik hat seine Vorteile“ ins Auge fiel. Im Artikel erläutert die Migros, weshalb sie keine Waren mehr ohne Verpackung verkauft. Einerseits trage diese nur wenig zur Umweltbelastung eines Produkts bei – in der Regel weniger als vier Prozent. Zum anderen bleibe eine verpackte Gurke dreimal so lange frisch wie eine unverpackte.

 

Ich kann die Argumente der Migros, deren Bemühungen um Nachhaltigkeit ich sehr bewundere, nachvollziehen. Es mag auch sein, dass Bea Johnsons Lebensstil etwas gar radikal ist. Die Entscheidung, die ich für mich selbst getroffen habe, liegt irgendwo in der Mitte: Ich werde meine Einkäufe von nun an noch bewusster gestalten – und unsere Gurken auf dem Wochenmarkt statt im Supermarkt erwerben. Unseren Müll um die Hälfte reduzieren? Der Versuch reizt mich, und die Umwelt hat ganz bestimmt etwas davon.

 

Letztlich geht es beim Aufräumen ebenso wie bei Zero Waste um den bewussten Umgang mit den Dingen, mit denen wir uns umgeben. Bea Johnson bringt es auf den Punkt: „Mein Leben basiert nicht mehr auf Besitzen, sondern auf Sein. Und das ist es doch, was es reicher macht.“ 

 

www.zerowastehome.com / www.unverpackt.ch / www.original-unverpackt.de 

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