Im Estrich meiner Mutter

Letzte Woche habe ich zwei Tage lang geholfen, einen Estrich zu räumen. Nicht den eines Kunden, wie sonst, sondern jenen meiner Mutter. Sie hatte mich gefragt, ob ich sie dabei unterstützen könne. Und so stiegen wir zwei bald die wackelige Ausziehtreppe hoch in den kleinen Raum unter dem Dach, wo wir uns von vorne nach hinten durcharbeiteten: 

Uns begegneten alte Koffern, Spielsachen aus den 70-er Jahren („Genau, ich erinnere mich!“), das Campingbesteck (all die wunderbaren Tage an der Sense), ein Eispickel meines Vaters, Originalgemälde und 0815-Bilder, altmodische Weihnachtsdeko, eine alte Schreibmaschine („Auf der habe ich das Zehnfingersystem gelernt!“), der antike Beistelltisch oder einfach leere Schachteln. Das meiste davon landete nach kaum zwei Stunden im Kofferraum meines Autos, wenig später in der Brockenstube oder auf dem Entsorgungshof. Meine Mutter kann mühelos loslassen, ich staune immer wieder! Und doch verwies sie nach dem ersten Vormittag mit gemischten Gefühlen auf die verbleibende grosse Seemannstruhe: „Die wird noch schwierig...“.

 

Schon zwei Tage später machte sie sich an die letzten drei Bananenschachteln voller alter Bücher – und an besagte Truhe. Sie war nicht so voll, wie ich erwartet hatte. Da war ein geflochtenes Köfferchen mit den selbst gebastelten „Abendgeschenken“, die ich meinen Eltern jeweils aufs Kopfkissen gelegt hatte. Da waren die alten Buchhaltungsbücher meines Vaters, in die er jahrzehntelang gewissenhaft jeden ausgegebenen Rappen notiert hatte. Da waren die Glückwunschkarten zur Hochzeit meiner Eltern. Und da waren die Briefe und Trauerkarten zum Tod der ersten Frau meines Vaters. Sie war 1968 nur 46-jährig an einem inoperablen Hirntumor gestorben. Es muss eine schwarze Zeit gewesen sein, die mein Vater damals durchlitt.

 

Meine Mutter las am kommenden Wochenende für sich alleine all die Papiere, all die als Tagebuch benutzten Agenden durch. Sie hatte es kommen sehen: Es war schwierig. Da sei vieles hochgekommen. Vieles „het mi möge“, sagte sie. Aber jetzt sei es wieder gut. Sie sei froh, habe sie ein letztes Mal in diese Zeit zurück geblickt. Ich dürfe die Unterlagen gerne auch durchsehen, danach werde sie alles entsorgen.

 

Meine Mutter ist eine mutige Frau. Sie lässt Ballast los und erlaubt es damit sich selbst und uns „Kindern“, unbelastet in der Gegenwart zu leben und vorwärts zu blicken. Sie nimmt damit Arbeit auf sich, die wir sonst dereinst zu leisten hätten. 

 

Ich selbst schaue in diesem Moment auf das Köfferchen mit meinen alten „Abegeschänkli“. Ich werde es so machen wie sie: Erst etwas in der Vergangenheit schwelgen, vielleicht mit Lachen, vielleicht mit Wehmut – dann DANKE sagen und das, was war, ziehen lassen.    

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