Ich bin wertvoll.

Wir alle haben tief verwurzelte Glaubenssätze, die uns prägen – unser Leben, unsere Beziehungen, unsere Arbeit. Sie lauten etwa „Man kann im Leben nicht nur glücklich sein“ oder „Ich muss leisten, um geliebt zu werden“. In Bezug auf Geld und Fülle glauben wir, dass man „nicht den 5-er und das Weggli haben“ kann, oder dass wir kein Geld verlangen dürfen, wenn wir Gutes tun.

Mit meiner Arbeit tue ich Gutes. Es ist befriedigend für mich, wenn mir Kunden nach einem Aufräumcoaching sagen, wie befreit und leicht sie sich jetzt fühlen. Wenn sie mir nach einem Jahr stolz erzählen, dass ihr Schrank noch genau so ordentlich ist wie am Anfang. Es bewegt mich, wenn sie allein nach einem Gespräch „Karin, dich schickt der Himmel!“ sagen. Oder wenn ich nach einem Vortrag als Feedback „Ich dachte, das Thema betrifft mich nicht... es hat mich sehr berührt“ erhalte.

 

Über den Wert meiner Arbeit bin ich mir im Klaren. Aber ich habe manchmal Mühe damit, dafür einen Lohn zu verlangen, der mir und meiner Familie ein sorgenfreies Leben ermöglicht. Mit meinem Stundenansatz befinde ich mich im Durchschnitt vergleichbarer Angebote. Wenn ich jedoch weiss, dass meine Kunden finanziell nicht auf Rosen gebettet sind, dann fällt es mir schwer, meinen Preis zu halten.

 

Kürzlich habe ich zusammen mit einer Arbeitskollegin einer jungen Frau im französisch-sprachigen Raum geholfen. Der Auftrag war in jeder Hinsicht aussergewöhnlich. Zwei Tage lang haben wir dafür geschuftet, dass drei Zimmer ihrer Wohnung wieder begehbar wurden. Wir haben die Voraussetzungen geschaffen, dass sie mit ihren vier kleinen Kindern nicht mehr im gleichen Bett schlafen muss, weil das Kinderzimmer zu überfüllt und schmutzig ist. In zwei Tagen haben wir dreissig 110-Liter-Abfallsäcke voller Kleider und Müll weggebracht. Das alles haben wir zu einem Bruchteil des üblichen Honorars gemacht, als „Sozialprojekt“ sozusagen.

Die Wirkung unserer Arbeit für diese Familie war unermesslich. Bloss hielt sich meine eigene Befriedigung seltsamerweise in Grenzen. Mein Lohn hat wenig mehr als die Kilometerspesen für das Auto und die 100-Franken-Busse für das unerlaubte Befahren einer Brücke auf dem Heimweg gedeckt (aber das ist eine andere Geschichte...).

 

Der wahre Wert dieser Erfahrung lag für mich woanders: Ich begann damit, mich vertieft mit meiner Beziehung zu Geld auseinanderzusetzen. Ich habe erkannt, dass das Thema direkt mit Selbstwert verbunden ist: Der Wert, den ich für meine Arbeit verlange, ist gleichbedeutend mit dem Wert, den ich mir selbst entgegen bringe. Es ist daher gut und richtig, für meine Tätigkeit einen angemessenen Preis zu verlangen. Es ist gut und richtig, diesen Preis auch bei Menschen mit finanziellem Engpass aufrecht zu erhalten. Es ist gut und richtig, wenn sich die grosse Wirkung meiner Arbeit in meinem Lohn wiederspiegelt.

 

Mit diesem Grundsatz starte ich ins neue Jahr. Ich werde für meine Leistungen nicht mehr verlangen – aber auch nicht weniger.    

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Kommentare: 4
  • #1

    Barbara (Samstag, 26 November 2016 08:12)

    Ich kann dir nur beipflichten, ich sehe das genauso!

  • #2

    Marlies (Samstag, 26 November 2016 11:20)

    Ich kann das sehr gut nachvollziehen, liebe Karin. Auch mir fällt es nicht immer leicht, mein Honorar einzufordern. Manchmal habe ich den Eindruck, dass dies eher ein weibliches 'Problem ' ist.

  • #3

    Regina (Donnerstag, 20 April 2017 16:48)

    Du sprichst mir aus dem Herzen. Als Therapeutin machte ich oft die Erfahrung, dass wenn ich den Kunden mit Gefälligkeiten oder dem Preis entgegen gekomme bin, genau diese Menschen mir zu einem späteren Zeitpunkt in den Rücken fielen. Ob das wohl auch mit dem Thema Geben und Nehmen zu tun hat? Ich vermute es; der Ausgleich stimmt nicht mehr und ein ungutes Gefälle zwischen uns entstand, was unterbewusst "gerächt" wurde.

  • #4

    Karin (Sonntag, 23 April 2017 08:47)

    Liebe Regina - das ist eine interessante Beobachtung! Ich glaube auch: unsere Preisgestaltung ist ausgesendete Energie und steuert bzw. spiegelt unbewusst sowohl unsere eigene Wertigkeit als auch das Verhaltung unserer Kunden.