Die Kiste mit den alten Verletzungen

Vor ein paar Tagen hatte ich Première: Zum ersten Mal wurde ich während eines Gottesdienstes interviewt. Die Programmverantwortlichen der Kirche in Sevelen hatten den Sonntagmorgen dem Thema „äusserer und innerer Frühlingsputz“ gewidmet. Nebst praktischen Tipps erzählte ich dem aufgeschlossenen Publikum unter anderem, wie innere Befindlichkeit und äusseres Lebensumfeld eng zusammenhängen.

Pfarrer Stefan nahm diesen Faden in seinem anschliessenden "Input" in tiefgründiger Weise auf. Er sprach vom seelischen Frühlingsputz – von der Notwendigkeit, für ein befreites und lebenswertes Leben den Mut aufzubringen, die alten verstaubten Kisten im Keller hervorzuholen und anzuschauen: Die Kisten mit alten Verletzungen, alter (vermeintlicher) Schuld, jene mit den seit langem weggedrückten Gefühlen, mit den Traumata und Erlebnissen, denen wir lieber nicht mehr in die Augen sehen wollen.

 

Stefan hat mich damit tief berührt. Mit seinen Worten sprach er direkt meine aktuelle Lebenssituation an. Eine Anfang Jahr unerwartet eingetretene Situation, die mit meiner Vergangenheit auf den ersten Blick überhaupt nichts zu tun hat, hat Licht in meinen Keller geworfen und meine Kisten geöffnet. Darin steckte ein ganzer Haufen an Traurigkeit, Schmerz, Angst und Wut – Gefühle, die ich in der Folge immer und immer wieder durchlebte. Ich konnte nicht anders, als mir selbst in radikaler Weise ins Gesicht zu schauen.

 

Heute bin ich dankbar dafür: Die Situation hat mich gelehrt, dass es ganz einfach darum geht, all diese Gefühle zuzulassen. Indem wir uns nicht gegen sie wehren und sie bis in alle Tiefen durchleben, lösen sie sich letzten Endes in Frieden auf. Ich habe gelernt, dass es in meiner so glücklichen Kindheit auch Momente gab, in denen ich mir hilflos und ungeliebt vorkam. Und dass ich damals Muster entwickelt habe, um mit diesen Gefühlen umzugehen. Weglaufen ist eines dieser Muster. Und oft fühle ich mich noch heute nicht liebens-wert und projiziere dies dann auf meinen Partner („Du nimmst mich nicht wahr!“). Dabei spiegelt er mir nur, wie es in mir innen aussieht.

 

Wir alle haben unsere verstaubten Kisten mit alten Verletzungen im Keller. Die aktuellen Energien unterstützten uns kraftvoll beim Öffnen dieser Kisten. Wenn wir es nicht aus eigenem Antrieb machen, tritt eine Situation in unser Leben, die uns mitten über sie stolpern lässt und uns mit der Nase auf sie drückt. Wegschauen geht nicht mehr. Ich spreche all jenen, die jetzt im seelischen Frühlingsputz stecken oder ihn noch vor sich haben, Mut zu: Ja, es tut weh. Doch genau wie beim materiellen Aufräumen entsteht dadurch – und nur dadurch – Platz für Neues. Neues, das so unvorstellbar gut sein kann, dass sich der Weg dahin mehrfach lohnt.

 

Also los, ab in den Keller!    

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Kommentare: 1
  • #1

    Barbara (Samstag, 08 April 2017 16:54)

    Stimmt genau, Gefühle wollen gefühlt werden, und zwar alle. Danke für den Text. Lieber Gruss, Barbara