Eine Spielecke für Rosa

Wir waren daran, den Schrank im Büro aufzuräumen, als meine Kundin sagte: „Das gehört in die Spielkiste.“ Wohl wissend, dass sie keine Kinder hat, versuchte mein Kopf die Bemerkung einzuordnen. Aha, dachte ich, sie stellt ein paar Spielsachen für jungen Besuch bereit. Nachdem weitere Dinge in besagter Kiste landeten – kleine Parfums, alte Fotos, ein Büchlein, ein Haarband – begriff ich: „Das ist DEINE Spielkiste!“ „Natürlich“, lautete wie selbstverständlich die Antwort, „falls die kleine Rosa spielen will“.

Die kleine Rosa, ihr inneres Kind. Die kleine Karin, mein inneres Kind. Wir alle tragen unsere inneren Kinder in uns. Allzu oft sind wir uns ihrer nicht bewusst. Wir verstehen nicht, dass wir verärgert auf eine harmlose Bemerkung unseres Partners oder unserer Chefin reagieren, weil uns eine ähnliche Äusserung unseres Vaters früher verletzt hat. Nicht unser erwachsenes Ich, sondern unser inneres Kind spürt dann die gleiche Verletzung wieder – und zieht sich gekränkt zurück. Heilung beginnt, wenn wir uns unserer inneren Kinder annehmen, sie trösten und in den Arm nehmen. Und wenn wir auf sie achten, zum Beispiel indem wir sie spielen lassen! Wenn wir wie früher ins erfrischende Wasser springen, statt bei sengender Hitze am Bassinrand zu sitzen und der frisch gefönten Haare wegen auf einen Sprung ins Nass zu verzichten. Wenn wir barfuss durch die herbstlichen Blätterhaufen rennen, mit wehenden Haaren die Rutschbahn runter sausen und mit dem Kaugummi die grösstmögliche Blase üben!

 

Am zweiten Aufräumtag bei meiner Kundin sortierten wir ihren Estrich aus. Kaum lichtete sich der Raum unter dem Dach, nahm Rosa einen lachsfarbenen Teppich hervor. „Auf dem richte ich meine Spielecke ein“. So entstand zwischen Ordnern und Dachziegeln alsbald eine einladende Sitzecke am Boden – spielerisch umsäumt mit kultigen Büchern, einem Bild von Lotti Huber, einer Gitarre und einem Globus, auf dem die DDR noch zu finden ist. Mittendrin: die eingangs erwähnte Spielkiste.

 

Letztes Wochenende räumten mein Mann und ich überflüssig gewordenen Ballast aus unserem eigenen Dachboden. Auf der frei gewordenen Bodenfläche (welch herrlicher Anblick!) habe ich meinen alten Kinderzimmer-Teppich ausgelegt, der zuvor ungenutzt im Keller lag. Heute habe ich feierlich ein Puzzle hervorgekramt. Ich habe es von einer lieben Freundin vor Monaten erhalten und aus Platzmangel nie begonnen. Jetzt liegt es oben. Die kleine Karin kann kaum warten, bis sie die 1500 Teile auslegen und sich auf die Suche nach den Randteilen von Schloss Neuschwanstein machen kann. Danke, Rosa, dass du an meiner Tür geklingelt hast. Ja, ich komme spielen!