Die Strichliste

Wir führen in unserer Familie seit einigen Wochen eine Strichliste. Allen voran unsere Kinder springen immer wieder von ihren Stühlen auf und machen voller Freude einen Strich in der Kolonne von Mami und Papi. Wir zählen mit diesen Strichen weder fallen gelassene Gabeln noch vergessenes Händewaschen; wir zählen damit Worte, die wir geäussert haben, obwohl wir sie vermeiden wollen.    

Diese Ausdrücke führen bei uns zu einem Strich: ich muss, Fall (jedenfalls - auf alle Fälle - in diesem Fall), ein bisschen, eigentlich und falsch verwendeter Irrealis (würde – wäre – hätte etc.). Einen Strich gibt es auch, wenn wir von einem Zimmer ins andere rufen. Wir wissen: Zu einer wertschätzenden Kontaktaufnahme gehören die drei A = ansprechen – anschauen – atmen. So geben wir der angesprochenen Person die Chance, uns wahrzunehmen. Und so maximieren wir die Wahrscheinlichkeit, mit unserer Botschaft gehört und in der Folge erhört zu werden. Wenn wir dann doch zu faul sind, dieses Rezept anzuwenden, dann wissen wir wenigstens, weshalb niemand auf unser Anliegen reagiert.

 

Nun sammelt mein Mann eifrig Punkte, indem er seine Aufforderungen oder Fragen in lauter Stimme quer durch die Wohnung vermittelt. Ich jedoch führe die Liste unangefochten an: Ich verwende den Begriff „e chli“ (ein bisschen) im Moment noch inflationär. Das steht in direktem Widerspruch zu meinem Wunsch, in jeder Hinsicht Fülle in mein Leben zu bringen. Die 20 Rappen pro Strich sind daher eine sehr sinnvolle Investition - sie bringen mich der Fülle jedes Mal einen Schritt näher.

 

Unsere Kinder lernen auf diese Weise spielerisch, achtsam mit ihren Worten umzugehen. Sie lernen, dass sie mit ihrer Wortwahl ihre Wirklichkeit kreieren - und dass sie sich und ihre Botschaften mit gewissen Formulierungen stärken oder schwächen. Sie haben ein hohes Bewusstsein für die Wirkung von Sprache entwickelt.

 

Und sie lernen schnell. Viel schneller als Mami und Papi, die fast das ganze Geld in der Strichkasse beigetragen haben. Mit den Münzen werden wir uns im Sommer übrigens eine ganz bestimmte Sorte Eis gönnen. Die Finanzierung ist für mindestens ein Dutzend Freibadtage gesichert.

Wollen Sie erfahren, welche Ausdrücke eine wertschätzende Kommunikation innerhalb der Familie fördern? In meinen Kursen Mit starker Sprache zur starken Familie teile ich dieses Wissen mit. Ich lade Sie herzlich zu diesem wertvollen Austausch unter bewussten Eltern ein.