Selbstfindung in Shorts

Am Wim Hof Workshop von letztem Wochenende tauchte ich nicht nur in 6-Grad-kaltes Wasser ein. Ich erhielt auch eine unerwartete pädagogische Anregung:

Die meisten von uns wachsen mit dem Glaubenssatz auf, dass Kälte krank macht. Als Kind werden wir dick eingepackt, damit wir uns keine „Erkältung“ holen. Schon im Herbst gilt: Setz dir eine Mütze auf! Und spätestens ab September ist barfuss laufen ein – wortwörtliches – No go. Leute wie ich werden zu „Gfrörli“ oder „Frostköttel“ – einzig deshalb, weil kalt in unseren Köpfen schlecht ist. Doch zeigen Methoden wie jene von Wim Hof, dass Kälte das Immunsystem stärkt und zu mentaler Stärke führt. Tiefe Temperaturen können ebenso gesund machen wie Wärme.

Was also, wenn wir unsere angelernten Muster hinterfragen? Und einmal anders reagieren, wenn die Kinder bei kaltnassem Wetter in kurzen Hosen nach draussen gehen wollen?

 

Wie das Leben so spielt, wurden wir nur einen Tag später mit eben dieser Situation konfrontiert. Ben mag keine langen Hosen. Und Mia macht Ben alles nach. Kurz vor unserem sonntäglichen Spaziergang im Regen beschlossen die beiden also, Shorts zu tragen – bei 7 Grad Celsius. Mein Mann und ich hatten die Wahl: Wir konnten dem ersten Reflex folgen und nein sagen. Oder wir konnten unserem Grundsatz nachkommen, die Kinder möglichst oft ihre eigenen Erfahrungen machen zu lassen. Shorts in Winterstiefeln? Ok. Wenn du frierst, ist es erstens deine Angelegenheit, und zweitens lernst du etwas dabei. Wir einigten uns darauf, Ben und Mia ihren Willen zu lassen. Im Kopf die Gedanken: Was, wenn die beiden jetzt tatsächlich krank werden? Husten haben sie ja schon! Und was werden die Nachbarn sagen, wenn wir sie unterwegs antreffen? Denn auch darauf sind wir konditioniert: Uns darum zu kümmern, was die anderen sagen.

 

Auf unserer Runde trafen wir keine Nachbarn an. Dafür jede Menge anderer Leute, die uns freundlich zulächelten und gleichzeitig ihre eigenen, dick eingepackten Kinder fragten, ob sie auch warm genug hätten. Ich hatte dabei ein seltsames - und gleichzeitig gutes Gefühl. Wir sprengten unsere Gewohnheiten, traten aus unserer Konditionierung aus. Es ist erstaunlich, wie schnell wir damit an Grenzen kommen – unsere eigenen und jene der Gesellschaft. Für uns lohnt sich das. Sowohl wir als auch Ben und Mia übernehmen damit Verantwortung für uns selbst.

 

Übrigens sahen die beiden nach dem Ausflug wie zwei dreckige Pfützentaucher aus. Aber kalt? Kalt war ihnen nicht geworden.

"Ist es wirklich MEINE Angelegenheit?" ist eine von zwei Fragen, die ich Eltern am Ende meiner Sprachkurse als Orientierungshilfe in schwierigen Situation mit auf den Weg gebe. Hier erfahren Sie mehr.