Knapp am schwarzen Loch vorbei

Ich wollte, dass mich auf der Stelle ein schwarzes Loch verschluckte! Ich erlebte den peinlichsten Moment meines Lebens: Soeben hatte ich an weit über hundert Personen eine Email gesendet, mit der mich unser CEO eigens betraut hatte – und die ausdrücklich erst in zwei Tagen zu einem bestimmten Zeitpunkt hätte gesendet werden sollen. Mit dieser Email lud unser Chef einen ausgewählten Kreis von Empfängern zu einem „spontanen“ Apéro anlässlich seines sechzigsten Geburtstags ein. Spontan war es jetzt nicht mehr. Die Email war draussen.

 

Ungläubig starrte ich auf den Bildschirm vor mir. In der nächsten Sekunde versuchte ich mit verzweifeltem Eifer, die Email zurückzurufen – was nur teilweise gelang. Die eine Hälfte der Adressate hatte die Nachricht wohl schon gelesen, die andere Hälfte mindestens meine seltsame Rückrufaktion mitbekommen. Die ganze Firma würde jetzt darüber sprechen. Was würde mein Chef dazu sagen? Und wie war es bloss möglich, dass mir dies geschehen war?!

 

Heute kenne ich die Antwort auf diese Frage. Erstens hatte ich sämtliche Empfänger in das „An“-Feld eingegeben, noch bevor ich die Nachricht verfasst hatte. Seit dieser Erfahrung fülle ich dieses Feld immer zuletzt, kurz vor dem gewünschten Sendezeitpunkt aus. 

Der entscheidende Fehler war ein anderer gewesen: Ich hatte unmittelbar vor dem Senden auf den entsprechenden Button geschaut und dabei gedacht „Jetzt darfst du bloss nicht darauf drücken! Stell dir einmal vor, wenn du JETZT diesen Button anklicken würdest!“ Und genau das passierte dann. Kein Wunder! Ich hatte mit grosser Kraft genau das visualisiert, was ich nicht tun wollte, und damit eben dieses Bild zum Leben erweckt. Statt „diese Email bleibt bei mir“ hatte ich „nicht senden“ gedacht. Meine linke Hirnhälfte verstand die sprachliche nicht-Botschaft. Meine rechte Hirnhälfte jedoch rief das Bild des gedrückten Buttons und das dazu gehörende Gefühl des Schreckens in mir wach – und erschuf damit Wirklichkeit.

 

Ich habe damals am eigenen Leib erfahren, wie schnell gedachte und gesprochene Worte Realität werden. Und ebenso, dass nicht-Botschaften das Gegenteil dessen bewirken, was wir mit ihnen bezwecken. Es war eine wichtige Erfahrung, die ich heute als unangenehm, aber harmlos einstufe. Ich hätte ja auch einem Kind „Achtung, renn nicht auf die Strasse!“ zurufen können.

 

Mein Chef war übrigens so gnädig und tat so, als hätte er von meinem Fauxpas nichts mitbekommen. Das schwarze Loch war an mir vorbei gegangen. 

 

 

Wie Worte wirken und weshalb nicht-Botschaften anders als gewünscht funktionieren, ist Teil meiner Sprachkurse für Erwachsene und Eltern. Ich freue mich auf Sie!