Was würde die Liebe tun?

Sommerferien sind wunderbar. Und Sommerferien sind anstrengend! Wer Kinder im (vor-)schulpflichtigen Alter hat, kann davon ein Lied singen. Oft fällt der persönliche Freiraum der Familienmitglieder über Wochen weg. Eltern und Kinder sind einander wie in einem Brutkasten der Emotionen den ganzen Tag ausgesetzt. Lernen ist angesagt – nicht mit der Schule, sondern mit dem Leben als Lehrmeister. Kommen Besuche bei Grosseltern und anderen Teilen der Familie dazu, potenziert sich der Druck zuweilen: Da prallen nicht nur unterschiedliche Meinungen, sondern Erziehungsgrundsätze unterschiedlicher Generationen aufeinander.

Erziehung? Dieser Begriff ist für mich zum Unwort geworden. Es impliziert, dass wir an unseren Kindern ziehen, um sie zu dem zu machen, was wir für richtig halten. Dass wir dem jungen Pflänzchen vorgeben, in welche Richtung es zu wachsen hat. Die Eltern geben vor, die Kinder parieren. Braves Verhalten ist gut, alles, was nicht in die gesellschaftliche Norm passt, schlecht. Als Fleisch gewordene Bohnenstangen binden wir die Kinder an uns, damit diese möglichst hoch wachsen. Nur: Was ist, wenn im Samen keine Bohne, sondern eine Hängegeranie angelegt ist? Dann brechen wir die junge Pflanze eben - Hauptsache, sie steht stramm aufrecht und passt zu den anderen.

 

Ich bin auch so in meine Mutterlaufbahn gestartet: Streng und konsequent sein, das waren meine ersten und obersten Prinzipien. Schliesslich bin auch ich so erzogen worden, und das Resultat lässt sich durchaus sehen. So haben mein Mann und ich angewendet, was wir selber kannten. Und wir haben „Erziehungskurse“ besucht. In der Folge haben wir unseren Ältesten ab und an minutenlang schreiend im Zimmer eingesperrt, als er noch ganz klein war – einzig, weil er nicht wollte, wie wir wollten. Die Machtkämpfe haben sich schrecklich angefühlt. Sie waren ein Ausdruck nackter Überforderung. 

 

Zum Glück war Ben stark – und wir waren lernfähig. Im Laufe der Jahre haben wir den Mut gefunden, zu hinterfragen, was wir für selbstverständlich gehalten haben. Wir haben gelernt, dass die alleinige Tatsache, dass wir gross sind und unsere Kinder klein, uns nicht das Recht gibt, ihren Willen zu brechen. Diesen zu respektieren, ist nicht immer einfach. Ich bin auch heute manchmal verzweifelt und will nur eins: Dass sie tun, was ich sage! Dann braucht es viel Bewusstsein, um den Impuls zur Machtausübung in eine konstruktive Handlung zu verwandeln. Es braucht Kreativität, um ihre und unsere Bedürfnisse unter einen Hut zu bringen. Und es braucht vor allem eins: Liebe. In festgefahrenen Situationen besinnen wir uns heute einzig auf sie und lassen uns von dieser einen Frage leiten: Was würde die Liebe tun? Die Antwort darauf bringt uns immer wieder auf den richtigen Weg. Zumindest fühlt sich das, was in Antwort darauf entsteht, richtig an.

 

An dieser Stelle danke ich meinen Eltern aus tiefem Herzen. Genau wie wir haben auch sie immer das gemacht, was ihnen im Moment möglich war und richtig erschien. Ich bin streng und gleichzeitig liebevoll „erzogen“ worden. Die Bruchstellen, die damals entstanden sind, führen mich heute wieder zu meinem Kern zurück – aber nur, wenn ich mich bewusst mit ihnen auseinandersetze. Und wenn ich den Mut habe, alte Gewissheiten neu zu definieren.

 

 

Die Frage „Was würde die Liebe tun?“ ist ein Thema in meinen Kursen Mit starker Sprache zur starken Familie. Ich teile in ihrem Rahmen wertvolle Inputs, wie Sie wertschätzend und wirksam mit (Ihren) Kindern kommunizieren.