Plüschtiere im Gästezimmer

Letzte Woche hat mir eine liebe Freundin von ihrem Besuch bei ihren Verwandten im Ausland berichtet. Sie durfte dort bei einer ihrer Lieblingstanten im Gästezimmer übernachten und hatte alles, was das Herz begehrt: ein komfortables Bett mit liebevoll zurecht gemachter Bettwäsche, ausreichend Platz und ein wundervolles Bad gleich um die Ecke. Und doch wusste sie im ersten Moment nicht, ob sie sich freuen sollte oder nicht: Direkt vor ihrem Bett stand ein Schreibtisch mit drei ausrangierten Nachttischlampen, einer Schachtel mit einem alten Teekrug, gravierten Gläsern von der letztjährigen Hochzeit des Neffen, ein nicht mehr gebrauchtes Bügeleisen, acht Dosen Handcreme, zwei gestickte Wandbilder mit Blumenmotiven. Unter dem Schreibtisch fanden sich zwei grosse Plastiksäcke randvoll gefüllt mit Plüschtieren. 

Im Gestell links vom Bett stapelten sich alte Ordner, Bücher und Schreibsachen – halb verdeckt von einem Stuhl, auf dem sich rund zehn Wolldecken türmten. Der Blick nach rechts offenbarte diverse leere Koffer und – auf dem Schrank – mehrere säuberlich eingepackte Daunenkissen und Dachbetten für Gäste. Ihre Tante ist notabene eine Frau mit einem perfekt aufgeräumten Haushalt.

 

Gästezimmer wie das beschriebene sind weit verbreitet. Sie werden selten gebraucht und daher in Rumpelkammern umfunktioniert, die alles beherbergen, was in den bewohnten Räumen keinen Platz mehr findet. Oft sind es nutzlose Geschenke, oft die Besitztümer der längst ausgezogenen Kinder, oft Reserveware in mehrfacher Ausführung. All diese Dinge haben – so unterschiedlich sie sind – etwas gemeinsam: Sie sind blockierte, gebundene Energie. Kein Gast wird sich in einem solchen Zimmer wohl fühlen.

 

Ihren zukünftigen Gästen zuliebe rede ich den Eigentümerinnen und Eigentümern solcher Zimmer Mut zu: Gehen Sie bewusst und mit offenen Augen in den Raum und sortieren Sie aus, was Sie nicht mehr brauchen. Die Frage danach, ob Sie die darin befindlichen Gegenstände lieben oder nicht, wird in diesem Fall leicht zu beantworten sein – denn würden Sie sie lieben, stünden sie in Ihrem Wohn- oder Schlafzimmer, und nicht im Gästezimmer. Das macht die Sache einfach. Und wenn Sie doch ins Stocken geraten: Wechseln Sie einmal die Perspektive und betrachten Sie die Situation aus Sicht der Dinge. Fühlen sich die unbenutzten Plüschtiere wohl, wo sie sind? Drohen sie zusammengepfercht in der Plastiktüte zu ersticken? Und würden sie sich freuen, einem neuen Zweck zugeführt zu werden? Wenn Sie dann handeln und die Kuscheltiere in den Kindergarten bei Ihnen um die Ecke bringen, freuen sich alle: Sie selber, die Kindergartenkinder, die Plüschtiere, Ihre zukünftigen Gäste – und ja, auch Ihre Tochter, die die flauschigen Begleiter ihrer Kindheit ursprünglich behalten wollte.