Ich will dir doch helfen!

Es gibt Sätze, die bei mir den Flucht-oder-Kampf-Reflex auslösen. Wenn ich sie höre, beginnt mein Herz schneller zu schlagen, mein Bauch zieht sich zusammen, und wie ein aufgescheuchtes Reh will ich das Weite suchen. Einer dieser Sätze tönt wohlwollend und ist gut gemeint: „Ich will dir (doch nur) helfen.“ Ich reagiere positiv auf diesen Satz, wenn mir ein Zentner Holz auf den Fuss zu fallen droht und jemand in letzter Sekunde zu Rettung eilt. Ansonsten empfinde ich Abwehr. Weshalb? 

Wie immer bei starken Emotionen lohnt sich ein Blick zurück in die Kindheit. Wer von uns hat diesen Satz als Kind nicht hundertfach gehört? Da stehst du als junger Mensch kurz vor dem Durchbruch, diesen Knoten endlich in deine Schuhbändel zu bekommen – schon ist da die erwachsene Hand, die es für dich tut. „Komm, ich helfe dir, wir müssen los!“ Vor kurzem war ich bei Bekannten: Vor lauter Erklärungen und Ratschlägen ihrer Mutter konnte sich die Tochter kaum auf ihre Matheaufgaben konzentrieren. Ohne „Hilfe“ hätte sie die Zahlenrätsel schneller gelöst – und dabei wirklich etwas gelernt.

Versteckte Botschaften

Ich orte drei Gründe, weshalb ich unaufgeforderte Hilfsangebote wenig schätze: 

 

1. „Ich will dir helfen“ trägt noch andere Botschaften in sich. Eine davon lautet: „Du hast ein Problem.“ (Weshalb sonst solltest du mir helfen wollen?) Ein Problem ist negativ besetzt. Meiner Ansicht nach stellt uns das Leben vor herausfordernde Situationen, in denen wir etwas lernen dürfen. Eine solche Situation wird erst dann zu einem Problem, wenn sie jemand als Problem bezeichnet – oft genug sind wir das selber. Es fühlt sich erst dann schwer an, wenn meine Situation diesen Stempel aufgedrückt bekommt. 

 

2. Eine weitere Botschaft heisst: „Ich glaube, dass du nicht selber mit dieser Situation zurecht kommst.“ Mit seinem Hilfsangebot spricht mir der wohlwollende Helfer die Fähigkeit ab, für meine herausfordernde Situation (wenn es diese denn gibt) selber eine Lösung zu finden (wenn ich diese denn finden will). Spätestens seit meiner Coaching-Ausbildung weiss ich, dass jede Lösung in uns selber angelegt ist. Und dass sie nur dann nachhaltig ist, wenn wir sie selber entdecken. Diese Chance will ich bekommen!

Fragen wirken Wunder

3. Basis meiner Sprachkurse ist eine grundlegende Erkenntnis: Wir alle wollen in unserem Wesenskern erkannt werden. Wertschätzende Kommunikation ist erst dann möglich, wenn ich meine Gesprächspartnerin, meinen Gesprächspartner wahrhaft sehe und höre. Ich sehe einen Menschen dann ganz, wenn ich nicht nur seine Schatten (das vermeintliche Problem), sondern auch sein Licht (die ihm innewohnende Lösung) sehe. Ein unaufgefordertes „Lass mich dir helfen“ betont den Schatten. Ihm fehlt das Vertrauen.

 

Es ist schön, anderen hilfreich zur Seite zu stehen – und bei Bedarf unsere Hilfe anzubieten. Wie immer bestimmt die Formulierung, wie das Angebot beim anderen ankommt. Ein wertschätzender Weg ist eine Frage: „Kann ich dich unterstützen?“, „Brauchst du etwas von mir?“, „Kann ich etwas Gutes für dich tun?“. Fragen wirken Wunder! Sie drücken nichts auf, sie bieten an. Sie sind zurückhaltend. Sie überlassen der anderen Person die Wahl. Damit trauen sie ihr alles zu – und sehen sie in ihrer Ganzheit.