Teach what you most have to learn

Manchmal ist der Frust gross. Mein Mann triggert mit einer Aussage einen wunden Punkt in mir. Die Emotionen gehen hoch. Alte Verletzungen jagen meine Präsenz zur Tür hinaus. Mein Zwischenhirn reagiert mit Gefühlen auf Worte, bevor diese das Grosshirn erreichen und ich zu einer „vernünftigen“ Handlung im Stande wäre. Es kommt zum Streit. Mit der Präsenz ist die Wertschätzung geflohen. In einer solchen Situation mache ich das Gegenteil dessen, von dem ich in meinen Kursen spreche. Bin ich nun dazu berechtigt, Wissen zu wertschätzender und bewusster Sprache weiterzugeben, wenn sie mir ab und zu selbst nicht gelingt? Dürfen wir etwas lehren, worin wir selber noch nicht perfekt sind?

Schwächen sind Stärken

Ein wissender Mensch, den ich sehr schätze, nahm mir diese Selbstzweifel vor ein paar Monaten. Er machte mich darauf aufmerksam, dass wir gerade in diesen frustrierenden Momenten die wesentlichsten Dinge dazu lernen. Dass es genau diese Erfahrungen sind, die uns weiterbringen und uns schliesslich zu Experten machen. Im englischsprachigen Raum gibt es dafür den Satz „What you teach is what you most have to learn“. Etwas tun, Frust erleben, reflektieren, lernen, weitergeben – das ist ein uralter Kreislauf, den wir heute „Fehlermanagement“ nennen. Und tatsächlich: Wenn ich nach einem entgleisten Gespräch reflektiere, was weshalb schief gelaufen ist, gewinne ich ungeahnte neue Erkenntnisse. Diese fliessen in meine Arbeit ein. Meine vermeintlichen Schwächen werden so zu neuen Stärken. Sie sind der Fundus, aus dem ich schöpfe.

Mein Warum

Simon Sinek beschreibt in seinem Buch „Start With Why“, dass wir alle ein WARUM haben. Dieses WARUM ist unser Motor. Es lässt uns privat und geschäftlich das machen, was wir machen. Es verleiht unserem Leben Sinn. Bezeichnenderweise erkennen wir unser WARUM, indem wir zentrale emotionale Momente in unserer Kindheit und Jugend betrachten und darin den verbindenden roten Faden finden. Mir kamen in diesem Zusammenhang meine krampfhaften Versuche in den Sinn, die Kommunikation meiner Eltern zu verbessern, so dass sie harmonisch und wertschätzend miteinander sprechen würden. Natürlich scheiterte ich. Kein Kind kann das Leben seiner Eltern besser machen. Heute weiss ich das – und bin dankbar für diese Erlebnisse. Sie spornen mich an, anderen Menschen heute wertschätzende Sprache näher zu bringen und dadurch ihr Leben zu verändern. Ohne den wiederholten Frust in meiner Kindheit würde ich das nicht tun.

 

Mittlerweile vergebe ich mir für jede Handlung und jede Reaktion, die mir nicht ideal erscheint. Es geht in meinem Leben nicht (mehr) um Perfektion. Es geht um Wertschätzung – für mich selbst, für meine Geschichte, für die Menschen in meinem Leben, für meine Unzulänglichkeiten. Indem ich lerne, kann ich lehren: I teach what I most have to learn.