Das Leben ist höllenschön

Hauptsache, es schockiert! Der scheinbar harmloseste Kinderfilm entpuppt sich im Kino als Thriller: Dem drolligen Paddington will eine Psychopathin ans Fell. Simba, dem König der Löwen, trachtet sein eifersüchtiger Onkel Scar nach dem Leben. Selbst Biene Maja ist kaum auszuhalten, wenn sie in die Fänge der riesigen Spinne zu gelangen droht. Braucht es wirklich eine gute Portion Schrecken, um fürs Publikum attraktiv zu sein? Um die nötige Aufmerksamkeit zu erzeugen?

 

Unsere Alltagssprache scheint diesen Eindruck zu bestätigen. Wenn wir in der deutschen Sprache ein Wort besonders betonen wollen, stellen wir ihm ein Verstärkungswort – ein Präfix – vorne an: aus neu wird brandneu, aus arm bitterarm, aus sicher todsicher. Diese Präfixe haben es in sich! 

Kadaver, von Milben befallen, mit Schande behaftet

Die Schweizer greifen zur Bildung von Verstärkungswörtern auf besonders derbe Ausdrücke zurück. Diese sind vor Jahrhunderten entstanden; ihre ursprüngliche Bedeutung ist den meisten Leuten nicht mehr bekannt. Oder wissen Sie, dass Cheib und Choge wie in cheibeguet und chogeguet für „Leichnam, Aas, Kadaver“ steht? Dass das luzernische rüüdig „räudig, von Krätzmilben befallen, hautkrank“ bedeutet? Auch das harmlose schampar geht auf die Schande zurück und heisst „mit Schande behaftet, ehrlos“. Sogar sehr, das gebräuchlichste aller Verstärkungswörter, hat mit „versehrt, wund, verletzt, blutend“ keinen appetitlichen Hintergrund.

Gelebte Polarität

In seiner Bedeutung bekannt und dennoch täglich in Gebrauch ist in der Schweiz das Präfix Hölle. Interessanterweise werden vor allem positive Adjektive damit verstärkt, etwa hölleschön, hölleguet, höllestark und was sonst noch als höllisch bezeichnet werden will. Das nenne ich gelebte Polarität! 

 

Wie wohltuend fühlt sich daneben wunderschön an! Wunder ist das einzige würdevolle Präfix, das mir in den Sinn kommt. Doch manchmal verbirgt sich auch hinter scheinbar vulgären Verstärkungswörtern eine überraschend erhebende Herkunft: So leitet sich das in der Schweiz äusserst gebräuchliche huere (von Hure) von der indogermanischen Wurzel -qār für „begehrlich, lieb“ ab. Diese liegt auch dem lateinischen carus („lieb, teuer“) und somit dem französischen cher oder dem italienischen caro zugrunde.

Ob positiv oder negativ – einige Sprachwissenschaftler betonen, dass solch alte Bezeichnungen durch den veränderten Gebrauch ihre ursprüngliche Bedeutung verloren haben. Doch wer bewusst spricht, weiss: die Herkunft eines Wortes schwingt mit. Es lohnt sich daher, wenn wir uns vergegenwärtigen, wie wir sprechen und welche Wörter wir benutzen – insbesondere dann, wenn wir sie sehr häufig anwenden. 

 

Das macht das Leben doch huere interessant – oder was meinen Sie?